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Vor (fast) 50 Jahren: Olympia in München und die Mecklenburger bzw. Vorpommern


Olympia in Tokyo 2021 ist "abgehakt". Nun wartet Olympia 1924 in Paris. Auf dem Weg in die französische Metropole wird es dabei in einem Jahr spannend.

 

Die einstige Olympiastadt München lädt vom 11.August bis 21.August 2022 zu den "European Championships Munich 2022", zu neun zeitgleich stattfindenden Europameisterschaften in den Sportarten Beach-Volleyball, Kanu-Rennsport, Sportklettern, Leichtathletik, Radsport, Rudern, Tischtennis, Triathlon und Turnen. Und sicher werden auch einige Athletinnen und Athleten aus M-V, speziell aus Schwerin, dabei sein.

 

Rundes Jubiläum in München

 

Im nächsten Jahr gibt es ohnehin ein rundes Jubiläum - vor 50 Jahren fanden die XX.Olympischen Spiele 1972 in München statt und was seinerzeit heiter begann, endete in einer blutigen Tragödie.

 

Eine palästinensische Terrororganisation überfiel die israelische Olympiamannschaft - die Folge des Überfalls, der Geiselnahme von israelischen Sportlern und der missglückten Befreiungsaktion - 11 Tote israelische Athleten, ein toter Polizist und 5 getötete Terroristen.

 

Olympia, die nur vermeintlich "mächtige Stütze des Friedens", erlitt ebenfalls schwerste, fast tödliche Verletzungen. Wäre es menschlich zugegangen, hätten die Spiele eigentlich abgebrochen werden müssen. Aber nach Ansicht der Funktionäre und Politiker mussten sie - "auf Teufel komm raus" - weiter gehen.

 

Trotz aller Trauer - auch der Sport "ging irgendwie weiter"

 

Großen Sport - trotz aller Trauer - gab es dennoch und Athletinnen und Athleten aus M-V hatten daran ihren Anteil.

 

Gold-Momente 1972 für Mecklenburger

 

Der gebürtige Rostocker Günther Schumacher raste mit dem westdeutschen Bahnvierer zu Gold. Im Ruder-Zweier ohne konnte der Rostocker Siegfried Brietzke Gold-Gefühle genießen.

 

Nicht zu vergessen: Die einstige Absolventin der KJS Güstrow, Ruth Fuchs, warf ihren Speer zudem zu Gold.

 

Silberne Glücksmomente

 

Die Neubrandenburger Kanu-Rennsportlerin Ilse Kaschube schaffte Silber im Zweier-Kajak (500 Meter). Jörg Drehmel, in Trantow bei Demmin geboren, holte Silber im Dreisprung. Silberne Momente hatte ebenfalls Heinz-Helmut Wehling im Federgewicht des griechisch-römischen Stils - wie auch der gebürtige Rostocker Reinhard Gust bzw. der gebürtige Bützower Eckhard Martens im Vierer mit des Ruderns.

 

Mit der DDR-Mannschaft turnte Christine Schmitt (SC Empor Rostock) im Team-Wettkampf der Frauen außerdem auf den Silber-Rang.

 

Und zu Silber segelten mit dem Drachen Karl-Heinz Thun, Konrad Weichert und Paul Borowski. Und im Münchener Schwimmbecken jubelte Klaus Katzur über Silber mit der 4 x 100 Meter-Lagenstaffel der DDR.

 

Auch "am Volleyball-Netz" schafften ein ehemaliger Spieler des SC Traktor Schwerin, Horst Hagen, der für den SCT 1965 bis 1969 aktiv war, und ein damals aktueller Akteur des SCT, Wolfgang Maibohm, Silber mit der DDR-Auswahl.

 

Bronze erobert

 

Bronzemedaillen erreichten Sportlerinnen und Sportler aus M-V 1972 ebenfalls, so der gebürtige Rostocker Turner Reinhard Rychly mit der DDR-Mannschaft im Mehrkampf, der im Vorlauf des Schwimm-Wettkampfes über 4 x 100 Meter Freistil eingesetzte Rostocker Udo Poser oder der Schweriner Ruderer Manfred Schneider mit dem DDR-Achter.

Bronze "erkickten" nicht zuletzt Achim Streich und Dieter Schneider (zweiter Torwart / beide FC Hansa Rostock) mit der DDR-Auswahl im olympischen Fußballturnier 1972.

 

Zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer "aus M-V" 1972

 

Insgesamt stellte das heutige M-V vor fast 50 Jahren zahlreiche Teilnehmerinnen und Teilnehmer in den einzelnen Sportarten.

 

In der DDR-Handball-Mannschaft der Herren, die Rang vier belegte, agierten sechs Spieler mit MV-Background, so Wolfgang Böhme, Reiner Ganschow, Klaus Langhoff, Peter Larisch, Peter Randt und Josef Rose. In der sechstplatzierten westdeutschen Mannschaft imponierte der gebürtige Schweriner Wolfgang Braun als ein Aktivposten.

 

Im Kanu-Rennsport der Herren waren Alexander Slatnow und Volkmar Thiede ( beide SC Neubrandenburg) dabei.

 

Gute Akzente setzten in der Leichtathletik Hochspringer Rita Gildemeister (in Güstrow-Klueß geboren) und Diskuswerferin Gabriele Hinzmann (in Schwerin geboren). Leichtathletische Ersatz-Starterinnen waren seinerzeit Monika Meyer und Birgit Rohde (beide SC Neubrandenburg).

 

Für das olympische Straßenrennen qualifizierten sich der gebürtige Bad Doberaner Karl-Heinz Oberfranz und der gebürtige Schweriner Dieter Gonschorek.

 

Der Judoka Klaus Hennig, der in Schwerin seine Kinder- und Jugendzeit verbrachte, kämpfte in München sowohl im Schwergewicht als auch in der offenen Klasse, der Boxsportler Jochen Bachfeld (SC Traktor Schwerin), 1976 in Montreal Olympiasieger im Weltergewicht, kam in München im Federgewicht zumindest in das Achtelfinale.

 

Im Ringen hatten ebenfalls Klaus Pohl (gebürtiger Demminer) und Udo Schröder, der in Wittenberge (das seinerzeit noch zum Bezirk Schwerin gehörte) seine Kinder- bzw. Jugendzeit verbrachte, ihre Wurzeln im deutschen Norden. Für den Rostocker Ringer Lothar Metz reichte es nach Silber 1960, Bronze 1964 und Gold 1968 zwar nicht zu einer erneuten Olympia-Medaille, aber bereits die Qualifikation für München war ein guter Erfolg.

 

Zwar nur rudersportlicher Ersatz, aber dennoch dabei waren im Rudern Werner Klatt und Peter Gorny vom ASK Vorwärts Rostock.

 

Schwimmsportlich war Mecklenburg und Vorpommern nicht nur durch Klaus Katzur und Udo Poser 1972 sehr gut vertreten. Rostock stellte neben den zwei Genannten noch die Schwimmerinnen Susanne Hilger, Brigitte Mertz, Sylvia Langer und Marlies Pohl und den Schwimmer Lutz Wanja. Die gebürtige Schweriner Schwimmerin Rosemarie Kother (verheiratete Gabriel) belegte 1972 Rang vier über die 200 Meter Schmetterling, 1976 gab es auf dieser Strecke Bronze, zwischendurch 1973/75 viermal WM-Gold, drei EM-Titel ...

 

Die Rostocker Segelschule hatte nicht nur dank des Silber-Drachens von Karl-Heinz Thun/Konrad Weichert/Paul Borowski renommierte Vertreter in München. Nicht zuletzt beindruckten ebenfalls Hans-Christian Schröder (Finn-Dinghi), Hans Joachim Lange/Herbert Weichert (Star) und Dietmar Gedde/Herbert Hüttner (Flying Dutchman) vor Kiel-Schilksee, dem Austragungsort der olympischen Segel-Wettbewerbe 1972. "Nur" als segelsportlicher Ersatz fungierten Klaus-Eckard Meyer und Dieter Below.

 

Natürlich war auch die Rostocker Wassersprung-Schule in München 1972 am Start, so Helge Ziethen (Kunstspringen der Herren), Heidi Becker (Kunstspringen der Damen) und Christa Köhler (Kunstspringen der Damen).

 

Eine Top 20-Platzierung hatte Manfred Geisler, Jahrgang 1949, geboren in Barkow Süderholz bei Grimmen, nach Abschluss der Konkurrenz im Sportschießen / Trap inne.

 

Im westdeutschen Basketball-Team konnte der gebürtige Wismarer Jochen Pollex überzeugen, auch wenn es nicht zu einer vorderen Platzierung reichte.

 

Die olympische Fecht-Tradition "Made in M-V" erhielt in München auch eine Forsetzung. Eckhard Mannischeff (geb. 1943 in Wismarer) kämpfte 1972 mit dem Degen für die DDR. Im selben Jahr ebenfalls olympisch am Start war der Neustrelitzer Reinhard Münster, allerdings als Fechter der dänischen Mannschaft. Und der spätere Fecht-Trainer von Lena Schöneborn, Olympiasiegerin von 2008 im Modernen Fünfkampf, der Rüganer Bernd Uhlig (geb. 1942 in Wiek) setzte 1972, wie schon 1968, auf der olympischen Planche einige Treffer. Ebenso der Tessiner Horst Melzig (Jahrgang 1940).

 

Im Reitsport war es 1972 ähnlich. Der 1938 in Röbel geborene Horst Köhler, 1968 Olympia-Fünfter im Einzel und Olympia-Vierter mit der DDR-Dressur-Equipe, konnte in München 1972 mit dem DDR-Dressur-Team dann Rang fünf belegen. Unter anderem war er auch Vize-Europameister 1969 und WM-Dritter 1970 mit dem DDR-Team.

 

Aus Willershausen/Grimmen stammte Rudolf Beerbohm, Jahrgang 1941, der zum Beispiel 1972 in München in der Military mit seinem Pferd “Ingolf” Elfter im Einzel und Fünfter mit dem DDR-Team wurde. Gerhard Brockmüller aus Darchau kann aus MV-Sicht folgende Resultate bei Olympischen Spielen vorweisen: zunächst in Mexico-City 1968 / Dressur-Einzel (12.), Dressur-Team mit der DDR (4.) – dann in München 1972 / Dressur-Einzel (13.), Dressur-Team mit der DDR (Besetzung: mit Gerhard Brockmöller, Wolfgang Müller Horst Köhler / 5.).

 

Und wie lautete das Resümee von Sportlerinnen und Sportlern aus M-V zu München 1972?!

 

Hierzu der gebürtige Rostocker Turner Reinhard Rychly, der mit der DDR-Mannschaft Bronze erkämpfte: "Der Wettkampf verlief seinerzeit für mich optimal. Ich machte während der Entscheidung keine größeren Fehler und war mit meiner Leistung sehr zufrieden. Unser Ziel war es ja, Platz drei zu belegen, was dann auch tatsächlich gelang. Die japanischen und sowjetischen Turner waren dann wiederum eine Klasse für sich, die turnten auf einem ganz anderen Level.

 

Die Resonanz bei den Turn-Wettkämpfen 1972 war ebenfalls hervorragend. Fast 11000 Zuschauer fasste die Sporthalle am Olympiapark und sie war stets ausgezeichnet besetzt – eine tolle Kulisse. Das bundesdeutsche Publikum feuerte dabei auch das DDR-Team an, daran erinnere ich mich noch. Es war auf unserer Seite. Sehr beeindruckt war ich vom sowjetischen Turner Nikolai Andrianow. Er zeigte sehr schwierige Programme, turnte mit sehr viel Eleganz und einer großen Leichtigkeit. Ich kannte ihn bereits von Nachwuchs-Wettbewerben.

 

So erlebte ich Nikolai vor München bereits bei den Jugend-Wettkämpfen der Freundschaft in Moskau und bei einem Turn-Länderkampf. Ein wirklich erstaunlicher Turner. Ansonsten bewiesen ja die Japaner ihre große Klasse, ob Sawao Kato, Mitsuo Tsukahara oder Akinori Nakayama. Bei den Frauen imponierten Olga Korbut aus der UdSSR und unsere Karin Janz.

 

Und die Meinung von Ilse Kaschube (SC Neubrandenburg), spätere verheiratete Zeisler, die 1972 die erste Medaille im Kanu-Rennsport für einen Verein in Mecklenburg-Vorpommern gewann, zu Olympia 1972: "Ich erinnere mich gerne an die Olympiade zurück. Ich war 19 Jahre jung und unbeschwert, wir wollten zeigen, daß wir in der Lage waren gute Leistungen zu bringen. Als es dann die Silberne wurde, waren wir selbst überrascht. Man kann es nicht mit ein paar Worten wieder geben, was sich alles an der Regattastrecke abgespielt hat. Die Stimmung war großartig, die Anfeuerungen der Zuschauer waren ab 250 Meter bis ins Ziel zu hören. Wir wurden regelrecht ins Ziel gejubelt, so kam es uns jedenfalls vor. Es war einfach schön."

 

Last but not least - Schwimmerin Rosemarie Gabriel, die gebürtige Schwerinerin, zu ihren Leistungen und Erfolgen zwischen 1972 und 1976: "Die schönsten Plaketten, weil auch für mich selbst unerwartet, waren die Medaillen der ersten Schwimm-WM 1973 in Belgrad. Dagegen habe ich die Bronzemedaille zum Abschluss meiner Laufbahn in Montreal am schmerzhaftesten empfunden. Doch mit dem Abstand vieler Jahre betrachtet, hat gerade diese „fehlende“ olympische Goldmedaille meine Persönlichkeit und meinen Kampfgeist geformt, auf mein Leben sogar positiven Einfluss genommen."

 

SU, USA und beide Deutschländer am erfolgreichsten

 

In der Endabrechnung der 1972er Spiele waren die Sowjetunion (50 x Gold), die USA (33 x Gold) und die getrennten Deutschen (zusammen 33 x Gold, davon DDR 20 x Gold und Westdeutschland 13 x Gold) am besten. Die Deutschen aus Ost und West kamen auf insgesamt 106 Medaillen, gefolgt von der SU mit 99 Medaillen und den USA mit 94 Medaillen. Der erfolgreichste Athlet war indes der Amerikaner Mark Spitz mit siebenmal Gold im Schwimmen.

 

Rund 7200 Sportlerinnen und Sportler aus 121 Ländern wetteiferten vor fast 50 Jahren um 195 Goldmedaillen. Leider waren es keine friedvollen Spiele und die kommenden sollten nicht besser werden: 1976 gab es den "Afrika-Boykott" in Montreal, 1980 den "Westblock-Boykott" in Moskau, 1984 den "Ostblock-Boykott" in Los Angeles und 1988 den "kleinen Boykott", unter anderem durch Nordkorea, Kuba, Nikaragua und Äthiopien, in Seoul. Erst 1992 in Barcelona war die Sportwelt wieder vereint - in einem friedvollen Rahmen.

 

Inzwischen droht Olympia Gefahr von anderer Seite: eine wieder zunehmende Politisierung des Sportes, ein ausuferndes Wettkampfprogramm, fordernde Sponsoren bzw. Vermarkter und selbstgefällige Funktionäre sind Faktoren, die der olympischen Idee zusetzen. Das Monetäre scheint der bestimmende Faktor zu sein. Und inzwischen gilt längst auch im Sport: Geld regiert die Welt... Leider!

 

M.Michels

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